Erfahrungsbericht einer Lehrerin (anonym – mir bekannt)

Das allein ist in meinen Augen Grund genug, dass System hinwegzufegen. Was wagen sich da einige Menschen der ganzen Gesellschaft anzutun? Sabine Czery berichtet ja auch Ähnliches.
Und das ist kein Einzelfall, das hat System. Der Auftrag von Schule besteht u. a. in der Selektion, d. h. im Aussondern und Abhängen von Menschen, die sich nicht anpassen wollen oder können – mit gravierenden Folgen für deren ganzes Leben. Und ich sehe die Lehrkräfte da leider als Erfüllungsgehilfen.

Hier kommt der Erfahrungsbericht:

Es liegt mir am Herzen, eine Tatsache offenzulegen, die für mich die Sinnhaftigkeit von Schule vollkommen in Frage stellt.

Als ich noch unterrichtet hab, es war mein 6. Jahr als Grundschullehrerin, hatte ich eine zweite Klasse. An dieser Schule war es üblich, dass im 2. Halbjahr der erste benotete Tests geschrieben werden musste.

Lange bevor ich diesen Test nach den an der UNI erlernten und in 5 Jahren Praxis erprobten Kriterien konzipierte, hätte ich das Thema des Tests in meiner Klasse eingeführt. Ich hatte schon die letzten Jahre davor sehr gute Erfahrungen mit Individualisierung gemacht: jedes Kind bekam montags von mir einen eigenen wochenplan, der so gut ich konnte auf seine Bedürfnisse abgestimmt war. Meine Schüler arbeiteten dann die Woche über an ihrem Plan, in ihrem Tempo, an den Aufgaben, die ich für sie zusammengestellt hatte (mehr Freiheit erlaubte die Schulleitung nicht).

Gemeinsam mit meiner Kollegin (Assistentin) begleitete ich dabei die Kinder und sah, was sie wohl als nächstes in ihrer Lernentwicklung brauchten und konzipierte danach die nächsten Wochenpläne. Wer extra Hilfe brauchte, bekam diese durch 1:1 Betreuung. Ziel war, dass alle Kinder den Stoff (Mathe Multiplikation/Division) beherrschten.

So kam es, dass bei dem ersten Test alle Kinder, auch die, die als „leistungsschwach“ abgestempelt worden wären, passable Noten erhielten. Es gab ein paar 1er, viele 2er und zwei 3er.
Ich freute mich für die kleinen! Sie hatten toll gearbeitet in den Wochen davor und es nicht nur alle verstanden, sondern auch abrufen können. Wenn schon so früh Noten, dann wenigstens keine schlechten und das nicht weil der Test zu leicht war, sondern weil wir alle zusammen hart dafür gearbeitet hatten, dass der Stoff für die Kinder verständlich war und spielerisch geübt wurde, am Ende einfach saß.
Leider wurde ich zur Schulleitung zitiert. Ich musste erklären (mit Test, Punkteverteilung, Notenspiegel usw.) warum das Ergebnis meiner zweiten Klasse nicht der Gaußschen Normalverteilung entsprach. Ich hatte keine Erklärung, außer dass es mein Ziel gewesen war, das auch die „schwächsten“ den Stoff beherrschen und nicht ratlos vor dem Blatt Papier sitzen.
Die Schulleitung akzeptierte das Ergebnis nicht. Ich musste den Test schwerer machen, so dass es zumindest 4er und 5er gab. Mein Kollege allerdings schrieb den ersten Test(von mir kopiert) in seiner Klasse und erzielte das von der Schulleitung gewünschte Ergebnis: Noten von 1-6.
Ich war so wütend und fragte nach den Gründen dafür, weshalb ein anspruchsvoller Test nicht auch von vermeintlich „schwachen“ Kindern bewältigt werden können sollte, wenn es doch Ziel ist, so zu fördern, dass alle mitkommen und alle am Ende die Kompetenz erwerben.
Die Schulleitung antworte:
„Es muss immer Verlierer geben. Die Normalverteilung ist Fakt: es geht nicht, dass kein Kind versagt.
Außerdem möchten Eltern von leistungsstarken Schülern nicht hören, dass der Test gut ausgefallen ist. Das schmälert die Leistung ihrer Kinder. Gewöhnen Sie sich daran, dass das Leben nicht fair ist.“
Das war der Tag, an dem ich den Glauben an die Schule verloren haben, gewusst habe, dass mein ganzes Studium Heuchelei gewesen war und ich diesen Job (zumindest an einer notengebenden Schule) nie wieder mit guten Gefühl ausüben können würde. Wozu hab ich 1000ende Wege ausprobiert, um einen Zugang zu den „Leistungsschwachen“ zu finden, warum bin ich ihnen zur Seite zugestanden, bis sie das erste Erfolgserlebnis hatten, bis sie den Glauben an sich selbst entdeckt haben und letztendlich Spaß daran gefunden haben, Neues zu entdecken, Neues zu können…

Das ganze ist über drei Jahre her und macht mich immer noch traurig und wütend. Die letzten Jahre hab wegen meiner beruflichen Veränderung nicht mehr so oft daran gedacht, doch jetzt, wo ich Mama bin und mir vorstelle, mein Kind könnte das sein, das die schlechte Note bekommen muss, der Statistik wegen.. Das wühlt einiges wieder auf.

Ceterum censeo coactam educationem esse delendam!

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