Zwangsgeld wurde festgesetzt

Liebe Interessierte,

bevor ich Euch ein wenig in unsere Geschichte einführe, soweit es ein gewisser Schutz unserer Kinder, den ich wahren möchte, zulässt, muss ich leider ein aktuelles Ereignis kommentieren:

Da unsere beiden jüngeren Kinder nach wie vor nicht die Schule besuchen wollen, wurde nun ein Zwangsgeld von je 500 Euro festgesetzt, dass wir bis zum 9. März zu bezahlen haben. Ein weiteres Zwangsgeld von je 750 Euro wurde angedrohnt, wenn die Kinder bis 19. März nicht die Schule besuchen. Auf ein mögliches Bußgeld von bis zu 2.500 Euro wurde schon einmal vorsorglich hingewiesen.

Abgesehen davon, dass diese Aktion nichts daran ändern wird, dass wir unsere Kinder nicht zum Schulbesuch zwingen werden. Und auch abgesehen davon, dass es für die Bildung unserer Kinder nicht von Vorteil sein kann, uns finanziell zu ruinieren, möchte ich folgendes sagen:

Der Satz in den entsprechenden Bescheiden, um den es mir geht, ist dieser: „Ein weiteres schulisches Fernbleiben Ihrer Tochter“ (im anderen Schreiben „Ihres Sohnes“) „vom Unterricht hat unwiederbringliche Defizite in der schulischen Entwicklung, insbesondere bei der Aneignung des Unterrichtsstoffes, zur Folge.“

Ja, wenn die Kinder die Schule nicht besuchen, werden sie wohl die „schulische Entwicklung“ nicht durchmachen. Über die entstehenden Defizite kann aber streiten. Angesichts der Realität (ich nenne nur Beispiele.) kann man sich fragen, ob nicht die „schulische Entwicklung“ die weitaus größeren Defizite verursacht als der Nichtschulbesuch:

Ja, das Fernbleiben von Schule führt sicher zu Defiziten in der „schulischen Entwicklung“. Die Frage ist, ob diese Defizite unseren Kindern schaden.

Zur „Aneignung des Unterrichtsstoffes“: Ich möchte mich hier und jetzt nicht darüber auslassen, wie Lernen funktioniert, oder wie sinnvoll es ist, anderen Menschen Lernstoff vorzubeten, den diese dann auswendig zu lernen und in Tests wiederzugeben haben, um ihnen dann in Zertifikaten zu attestieren, dass sie diesen Stoff nun beherrschen. Auch will ich nicht über Sinn und Unsinn von Lehrplänen an sich schreiben, die ja meist am Leben vorbeiplanen. Mir geht es darum, dass es genügend Hinweise darauf gibt, wie gut Bildung ohne Schule funktioniert (auch nur Beispiele):

Wer zudem gern schulische Zertifikate erlangen möchte, kann alle Schul-Abschlüsse extern absolvieren, und dies haben Freilerner in Deutschland auch schon erfolgreich getan (z. B., aber längst nicht als einziger, Moritz Neubronner: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/deutschland-hartnaeckigster-schulverweigerer-schafft-das-abitur-a-1049018.html).

Wie kann es staatlichen Stellen erlaubt sein, massiv in das Leben von Menschen einzugreifen aufgrund von Behauptungen, die jeder Grundlage entbehren? Geht es dabei um das Wohl der jungen Menschen?

Im Gegensatz zu der ja durchaus positiven Idee, dass Schulen der gesamten Bevölkerung, unabhängig von Herkunft und persönlicher Situation, Bildung zukommen lassen sollen, haben diese tatsächlich ganz andere Funktionen. Und das ist kein Geheimnis. Es ist unter anderem in einem Standartwerk der Bildungswissenschaft nachzulesen: Helmut Fend (2006), Neue Theorie der Schule. Fend benennt die Reproduktion der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung als Hauptfunktion von Schule. Dieser Reproduktion dienen Selektion, Legitimation und Qualifikation.

Durch die Selektion sollen Menchen auf ihre zukünftigen Arbeitsplätze verteilt werden. Da nicht alle zu den Posten mit dem besten Verdienst und Ansehen aufsteigen können, muss selektiert werden. Das heißt im Klartext: die Lebenschancen von sehr jungen Menschen werden mittels Fremdbewertung und durch Leistungsvergleiche beschnitten. Die Leistungen, die diese dabei zeigen müssen, bestehen in bestmöglicher Anpassung, im erfolgreichen und ausreichend schnellen Einüben gewollter Fertigkeiten oder Auswendiglernen gewünschter Kenntnisse. Am erfolgreichsten in diesem System sind Angehörige der Mittelschicht, deren Bildungskanon den Lehrplänen zugrund liegt und die die besten häuslichen Ressourcen aufweisen, und diejenigen, die sich am besten den an sie herangetragenen Forderungen unterordnen können. Mit dem tatsächlichen Potential der jungen Menschen oder ihrer Intelligenz hat das alles nichts zu tun.

Mittels der Legitimationsfunktion soll soziale Kontrolle ausgeübt und die potentielle Entscheidungswahrscheinlichkeiten zugunsten anderer Ordnungen minimal gehalten werden. Es sollen also nichts weiter als Untertanen geschaffen werden, die sich mit der Verfasstheit ihres Staates bitte nicht weiter beschäftigen. Denn diese ist ja schon perfekt und muss nur noch reproduziert werden.

Auch die Qualifikation steht im Dienst des Erhalts der bestehenden Gesellschaft, nicht etwa im Dienst der jungen Menschen, die lernen möchten. Es geht nicht um Bildung. Dafür wären keine Tests und Bewertungen notwendig. Diese stellen vielmehr das Werkzeug der Selektion dar, indem bestimmte – ziemlich willkürliche – Leistungsnormen definiert werden, deren Erfüllung (egal ob wirklich verinnerlicht oder bulimiegelernt) bewertet wird. Anhand der Noten werden dann – meist endgültig – die Lebenschancen der jungen Menschen festgelegt. Das ist moderner Feudalismus – das Verfügen über Untertanen.

Es geht nach Fend darum, durch Schule das Leistungsprinzip zu legitimieren. Hierfür müsse ein leistungsorientiertes soziales Allokationssystem im Bewusstsein der Beteiligten als existent und gerecht verankert werden! Ich finde schon diese Formulierung empörend. Und er schreckt nicht davor zurück, darauf hinzuweisen, dass im formbaren Bewusstsein der jungen Menschen Überzeugungen besonders gut aufzubauen und zu verstärken seien. Ich frage mich – wo bitte liegt der Unterschied zu Diktaturen, die auch nur jeweils ihre gesellschaftliche Ordnung in den Köpfen der jungen Menschen verankern wollen? Mir unverständlich nennt er Schulen trotzdem Übungsstätten für Demokratie. Seine Antwort auf die Frage, warum wir so mit unserem Nachwuchs umgehen dürfen (im Gegensatz zu Diktaturen) ist mehr als dürftig – Weil wir eine Demokratie sind (Fend, S. 45 f.). Ich erinnere mich noch gut daran, in einem anderen perfekten System aufgewachsen zu sein. Dort sollte ich zum sozialistischen Menschen erzogen werden. Meine Kinder sollen heute zu leistungswilligen Untertanen einer wachstumsorientierten kapitalistischen Gesellschaft gemacht werden, von der wir schon längst wissen, dass sie so nicht weiter machen kann. Die Entwicklung einer eigenen Meinung und eigener Ideen wurde damals und wird heute den jungen Menschen nicht zugebilligt.

Und nicht zu vergessen: Was passiert, wenn immer die selbe Gesellschaftsstruktur reproduziert wird? Richtig – Stillstand. Das dürfen wir ja auch gerade beobachten. Demokratien sollten aber, schon, weil nachkommende Generationen selbstbewusster Menschen mit anderen Ideen daran arbeiten (sollten!), von Veänderung geprägt sein.

Zurück zu uns:

Auch mit dem Druck, uns finanziell zu ruinieren, wird man uns nicht dazu bewegen können, von unseren moralischen Grundprinzipien abzulassen. Wir zwingen unsere Kinder nicht zum Schulbesuch, wenn diese nicht wollen.

Möglich ist ein Schulbesuch nur, wenn unsere Kinder sich selbst dazu entscheiden. Wir werden sie dann nicht daran hindern und ihe Entscheidung unterstützen, obwohl Schulen für uns erst dann eine echte Bildungsmöglichkeit darstellen, wenn sie quasi „auf die Beine gestellt“ werden, wenn sie ein Dienstleistungsangebot an lernwillige Menschen darstellen, wenn sie nur diesen als ihren Auftraggebern verpflichtet sind – nicht einer Reproduktionsfunktion, für die sie ihre Kunden nur als zu verwaltende Untertanen betrachten (müssen).

Angela

Ceterum censeo coactam educationem esse delendam!

PS: Menschen, die sich für selbstbestimmtes Lernen einsetzen, können unter bestimmten Bedingungen durch die Freilerner-Solidargemeinschaft unterstützt werden. Wenn Sie deren Arbeit durch Spenden unterstützen wollen, klicken Sie bitte hier.

7 Replies to “Zwangsgeld wurde festgesetzt”

    • Angela

      Hallo, danke für den Tipp. Natürlich kenne ich die FSG. 🙂 Deinen ersten Kommentar habe ich nicht genehmigt. Du gibst darin einige persönliche Infos preis und ich wollte diese nicht veröffentlichen. Ich hoffe, das ist in Ordnung. Angela

  1. John

    [..] Ihr habt Angst vor euren eigenen Kindern, da sie Ureinwohner einer Welt sind, in der ihr immer nur Einwanderer bleiben werdet. Weil Ihr sie fürchtet, vertraut Ihr euren Bürokratien jene elterlichen Verantwortlichkeiten an, die Ihr zu feige seid, euch selbst vorzuhalten. [..]

    Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes erschaffen. Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die Eure Regierungen bislang errichteten.

    „[..] You are terrified of your own children, since they are natives in a world where you will always be immigrants. Because you fear them, you entrust your bureaucracies with the parental responsibilities you are too cowardly to confront yourselves. [..]

    „We will create a civilization of the Mind in Cyberspace. May it be more humane and fair than the world your governments have made before.“

    https://www.eff.org/cyberspace-independence

  2. Heinrich

    Hallo ! Ich würde Deutschland einfach verlassen und nach Dänmark gehen, daß nicht so schlechte Gesetze hat wie die BRDDR. Die Kinder werden nur zerstört, gemobbt, gehänselt und die Lehrer umgehen ihre Aufsichtspflichten. Es wird mit Drogen gehandelt, Zuhälter schicken für die späteren Jahgänge Loverboys und Winggirls aufs Schulgelände und niemanden interessiert es. Auch eine ausländische Schule wäre eine Alternative, da dort meist besser mit den Kindern umgegangen wird als hierzulande. Auch hier begeht der Staat nur Unrecht die Kinder jeden Tag in eine Umgebung zu verfrachten in die sie nicht hingehören. Politbonzen schicken ihren Nachwuchs nur auf Privatschulen und garantiert nicht auf die Rütlischule. Deswegen auswandern und diesem Land den Rücken kehren. Dieser Staat nimmt nicht nur Geld, Leben und Freiheit sondern auch die Kinder weg. Es geht nur um Macht, nicht um Recht. Bildung hört sich schön und gut an, muß aber unter menschenwürdigen Rahmenbedingungen stattfinden welche nicht angeboten werden. Es geht nur um die politische Indoktrination und spätere wirtschaftliche Ausbeutung in der sogenannten „Arbeitswelt“.

    • Angela

      Hallo Heinrich, ich kann nicht alles, was Du geschrieben hast, bestätigen. Aber ich verstehe, was du meinst. Auswandern ist für uns nur die allerletzte Lösung, denn wir wollen HIER etwas ändern, wie aussichtslos das im Moment auch aussehen mag. 🙂 LG Angela

  3. Hammaburger

    Hallo Angela,
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    warum kämpfst Du einen Kampf, den Du nicht gewinnen kannst?
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    Das Schulsystem hier ist schlecht, da es zwingt, statt Angebote zu machen, aber es ist nun mal das bestehende System. Ändern kannst Du das nur, in dem Du die vorgegebenen Wege nutzt, dass heisst in die Politik gehst. So bitter wie das ist, geht eine Änderung nur über dieses System. Sammle Mehrheiten und nutze sie.
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    Widerstand gegen Behörden, die aufgrund der geltenden Gesetze gar nicht anders handeln können, ist aus meiner Sicht komplett sinnfrei und beschädigt auch Deine Kinder. Diese bekommen den Stress täglich mit.
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    Ich bin ebenfalls ein Gegner unseres Schulsystems und der deutschen Arroganz mit dieser europaweit einzigartigen „Schulgebäudeanwesendheitspflicht“ der Welt erklären zu wollen, wie Bildung wirklich geht, aber Dein Weg wird nichts ändern und Dich und Deine Familie nachhaltig beschädigen … ein Sieg für die falsche Seite.
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    Wenn Du keine Politik machen möchtest, sollte Dein Widerstand klüger aufgebaut sein. Mach Dich schlau und sei den handelnden Behörden lästig. Kinder müssen nun mal zur Schule gehen, sie müssen aber z.B. nicht da bleiben …
    Liefere die Kinder ab und sie sind dann eben 20 min später wieder zu Hause … dann schreibst Du einen Brief, warum Deine minderjährigen Kinder ohne Aufsicht durch die Stadt laufen können und warum die Schule ihrer Aufsichtspflicht so ungenügend nach kommt … 2 Monate und 20 Briefe (gerne auch ab und an vom Anwalt) später, bist Du einem Sachbearbeiter schon reichtlich lästig.
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    Wenn Du offen mit deinen Kindern redest und sie einbeziehst (hängt naturgemäß vom Alter ab, bei 6 Jahren schwer, bei 12 gut machbar) und sie wissen, dass das Ziel Homeschooling heisst, dann ergeben sich auf diesem Wege unendlich viele Möglichkeiten. * Kind geht zur Oma nach der ersten Stunde, Du meldest es vermisst abends um 19 Uhr … Polizei / Schulbehörde / Direktor werden aktiviert … * Kinder spielen Fussball im Matheunterricht … ein Kind, was in 3 Monaten immer in der ersten Stunde beim Direktor landet, was durch 50% der Lehrer nicht mehr beschult werden möchte … das eröffnet die Möglichkeit einer Einzelfallregelung „zum Wohle des Kindes“ …
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    Alternativ: melde Dein Kind einfach wohnrechtlich zu Bekannten ab nach Irland oder Dänemark … obwohl mit deinem „Vorspiel“ wirst Du regelmäßig Kontrollen bekommen in den ersten Monaten …
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    Ich wünsch Dir viel Glück, möchte Dich aber wirklich warnen vor dem System … Verwaltungsakte werden bestandskräftig und dann vollstreckt, egal wie unsinnig die rechtliche Lage aus deiner Sicht sein mag, der jeweilige Beamte wird da keine Zugeständnisse machen (können) …

    • Angela

      Hallo Hammaburger,
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      „Warum kämpfst Du?“ Eine gute Frage. 🙂 Weil ich etwas ändern möchte! Und ja, da muss man politisch werden. Ob das über Parteien etc. funktioniert? Das sehe ich skeptisch. Ich denke, dass wir die Menschen mobilisieren müssen, dass sie selbst etwas ändern und neue Tatsachen schaffen, an denen dann die „Staasmacht“ nicht mehr vorbei kann.
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      Die Behörden haben Spielräume, wir müssen sie dazu bringen, diese zu nutzen. Und – wir sind überhaupt nicht gestresst im Moment. Und somit auch die Kinder nicht. 🙂
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      Danke für Deine Tipps, die wir größtenteils schon alle überdacht haben. Im Moment fühlt sich unser Weg richtig an. Und einige Dinge, wie z. B. der Weg, dass unsere Kinder „unbeschulbar“ werden, würde ihnen ja sehr viel abverlangen. Das möchten wir nicht.

      Liebe Grüße von
      Angela

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